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11.02.2017 10:57 Alter: 248 days

Eins, eins, zwei und sie retten Leben aus der Ferne

Eins, eins, zwei. Das ist die Nummer für alle Fälle – und das Datum des heutigen Samstags. Am 11. Februar wird alljährlich der Europäische Tag des Notrufs begangen, die PNP hat ihn zum Anlass genommen, um die Integrierte Leitstelle (ILS) Passau zu besuchen.


Seit 2012 sitzt sie am anderen Ende der Leitung, wenn jemand in Stadt und Landkreis Passau, aber auch in den Landkreisen Freyung-Grafenau und Rottal-Inn die "112" wählt. Die ILS betreut 500000 Personen, ist im Fall der Fälle für deren Rettung per Krankenwagen oder per Feuerwehr, für Wasser-, Luft- und Landrettung zuständig.

 

Da wundert es kaum, dass das Tor zum ca. 2000 Quadratmeter großen ILS-Gelände "am Fernsehturm 6" verschlossen und 24 Stunden überwacht ist. Auch für den Stromausfall ist man hier gerüstet: Mittels Batteriebetrieb und Notstromaggregat kann wochenlang ohne Stromzufuhr weitergearbeitet werden. "Wir sind eine lebenswichtige Einrichtung", sagt Sebastian Fehrenbach, Leiter der ILS. "Wir retten Leben aus der Ferne."

 

Ein bis zwei Minuten dauert es, bis der Anruf eines Bürgers an die zuständigen Einsatzkräfte übermittelt wird, schätzt Fehrenbach. Pro Tag gehen durchschnittlich 525 Anrufe in der Leitstelle ein.

 

Im Jahr 2016 waren es insgesamt 192000. Um diese Zahl zu bewältigen, arbeiten 28 Mitarbeiter hauptamtlich im Schichtdienst, daneben gibt es 25 Nebenamtliche für "Sonderlagen".

 

Die Disponenten, so heißen die Mitarbeiter der ILS, sitzen im Herzstück der Leitstelle, im Einsatzzentrum, einem großen Raum voller Technik, mit Bildschirmen an der Wand, die unter anderem die Pegelstände der Flüsse oder aber den in Suben stationierten Hubschrauber zeigen. Um hier arbeiten zu können, muss man, so Fehrenbach, mindestens eine Ausbildung zum Rettungsassistenten absolviert haben, bei der Feuerwehr tätig gewesen sein und zusätzliche Schulungen abgeschlossen haben. Zwischen drei und fünf Jahre dauere die Ausbildung. 

 

Eine Mülltonne brennt. Ist eine Tankstelle in unmittelbarer Nähe? Die Vorerfahrung der Disponenten helfe, Notfälle und deren Ausmaß richtig einzuschätzen, sagt Fehrenbach. Nicht selten wird von der ILS ausgehend bis zum Eintreffen der Rettungskräfte eine Telefonreanimation durchgeführt. "Weil jede Minute zählt."

 

Ein elektronisches System unterstützt den Disponenten dabei, Anleitungen für Erste-Hilfe-Maßnahmen telefonisch zu übermitteln. Auf deutsch und auf englisch. "Sprachbarrieren, gerade dann, wenn die Anrufer weder Deutsch noch Englisch sprechen, sind ein Problem. Das darf nicht verschwiegen werden", sagt Fehrenbach. Bisweilen müsse man den Anruf per Ortung zurückverfolgen und einen Rettungswagen schicken, um die Lage zu prüfen.

 

Immer wieder piepst es, rote Lampen blinken auf – ein Anruf kommt herein "Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst, hallo" nimmt ein Disponent das Gespräch mittels Headset entgegen. Er sitzt vor fünf Bildschirmen, sie zeigen Kartenmaterial, laufende Einsätze und vieles mehr. Der Mitarbeiter erfasst den Anruf in einer Eingabemaske und schätzt das Ausmaß des Notrufs ein. Ein Programm ermittelt die nächstgelegenen Einsatzkräfte mit der notwendigen Ausrüstung und alarmiert sie. "Mitdenken müssen die Disponenten aber trotzdem", sagt Fehrenbach.

 

Im Jahr 2016 sind im Bereich der ILS Passau 40783 Krankentransporte und 39070 Notfalleinsätze durch die Rettungsdienste gefahren und über die ILS vermittelt worden. 1627-mal rückte die Feuerwehr zum Brandlöschen aus. Weiterhin wurde 7973-mal sogenannte technische Hilfe geleistet. 267 Vorfälle wurden unter "Sonstiges" verbucht.

 

Fehrenbach hat das Gefühl, dass die Einsätze in den vergangenen Jahren immer mehr geworden sind. Einerseits weil es immer selbstverständlicher werde, den Rettungsdienst zu rufen, andererseits weil man sich in einer anonymer werdenden Gesellschaft ? beispielsweise bei fehlender Dorfgemeinschaft – immer weniger selbst zu helfen wisse, beispielsweise wenn ein Ast am Boden liegt.

 

2016 war für die ILS dabei ein besonders anstrengendes Jahr. Der große Konferenztisch in einem Nebenraum der Einsatzzentrale kam des Öfteren und nicht nur zur Planung der Begleitung von Großveranstaltungen zum Einsatz, sondern auch bei der Entschärfung der Fliegerbombe am 26. Oktober 2016 in Passau. Oder beim großen Hochwasser in Simbach am Inn am 1. Juni 2016. 1500 Notrufe wurden an diesem Tag innerhalb von 24 Stunden abgesetzt, erinnert sich Fehrenbach. Das Schlimme sei die Schnelligkeit, mit denen die Umweltkatastrophen hereinbrechen. "Die ist schwer zu kalkulieren."

 

Positive Nachrichten gibt es rückblickend auf 2016 hingegen aus dem Digitalfunk. Die Umstellung im Bereich der ILS ist erfolgt, der Rettungsdienst verfügt nun über 710 und die Feuerwehren über 3767 Digitalfunkgeräte. Die Taktisch Technische Betriebsstelle und die ILS haben 79 im Einsatz. Eine neue Herausforderung werde, so Fehrenbach, demnächst die Einführung des "E-Call" werden, des Notrufknopfs im Auto, der ab 2018 gesetzlich verpflichtend ist .