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07.02.2018 11:12 Alter: 195 days

Wieder ein Katastrophenjahr

Bei der Integrierten Leitstelle gingen 2017 mehr als 200 000 Anrufe ein – Sturm „Kolle“ forderte die Mitarbeiter heraus.


Fast jedes Jahr ist ein Katastrophenjahr. Diese Bilanz kann der Leiter der Integrierten Leitstelle (ILS), Sebastian Fehrenbach, auch nach dem Jahr 2017 ziehen. Denn der schwere Sturm im August hat die Einsatzzahlen nach oben schnellen lassen. Insgesamt fast 43 000-mal rückte der Rettungsdienst im vergangenen Jahr zu Notfällen aus, fast 10 000-mal die Feuerwehr. Mehr als 213 000 Anrufe gingen bei der ILS ein.

 

Schon in den Vorjahren war die Zahl hoch. 2016 hielt das Hochwasser in Simbach die Einsatzkräfte in Atem, im Jahr davor die Ankunft Tausender Geflüchteter an den Grenzübergängen. Viele von ihnen mussten notfallmedizinisch versorgt werden. Und 2013 war das schlimme Hochwasser in Passau. „Wir sind eine der 26 Leitstellen in Bayern, die am meisten von Katastrophen gebeutelt sind“, sagt Fehrenbach.

 

Beim Sturm „Kolle“ im August gingen innerhalb der ersten drei Stunden 1500 Notrufe bei der ILS ein. Dann müssen die Mitarbeiter Prioritäten setzen: Erst werden die Fälle abgearbeitet, in denen Menschenleben bedroht sind. Ist „nur“ das Dach des Hauses abgedeckt, müssen die Bewohner erst einmal warten, bis sie Hilfe bekommen. Schnell ging es, als ein Rettungswagen, der eine Hochschwangere zur Entbindung ins Krankenhaus bringen sollte, wegen umgestürzter Bäume auf der Straße feststeckte. Innerhalb einer halben Stunde bekamen die Einsatzkräfte den Weg wieder frei.

 

Die Mitarbeiter der ILS behalten auch in solchen Situationen einen kühlen Kopf. Das ist dringend nötig, denn die Anrufer sind meist schon aufgeregt genug. 580- bis 600-mal am Tag klingeln die Telefone. Die ILS ist zuständig für eine halbe Million Menschen in Stadt und Landkreis Passau sowie in den Landkreisen Freyung-Grafenau und Rottal-Inn.

 

„Wir kriegen jeden Tag Hunderte Infos und bewerten sie. Nicht immer wird ein Einsatz daraus“, sagt Fehrenbach. So beschweren sich schon mal Menschen bei ihnen, deren Mittagessen vom Pflegedienst falsch ausgeliefert wurde. Oder es rufen nachts Leute an, die mit ihrer Lebenssituation unzufrieden sind. „Viele haben psychische Probleme.

 

Wir müssen dann abklopfen, ob der Fall akut ist“, sagt Fehrenbach. „Wir sind nicht abergläubisch, aber der Mond macht schon einiges aus. Bei Vollmond gibt es wirklich oft kuriose Einsätze.“ Amüsant war im Nachhinein auch ein Einsatz, an den sich Schichtleiter Gerhard Altendorfer erinnert: In Passau wurde ein Notruf abgesetzt,weil der Anrufer aus der Nachbarwohnung das Pfeifen eines Brandmelders hörte. „Als die Feuerwehr in die Wohnung kam, stellte sich heraus, dass ein Wellensittich den Pfeifton des Brandmelders imitiert hatte.“ Die häufigsten Einsätze sind aber internistische Notfälle wie Herzinfarkte, gefolgt von neurologischen Notfällen wie Schlaganfällen und chirurgischen Notfällen wie Brüche nach Unfällen.

 

Mehrere hundert Mal im Jahr helfen die Mitarbeiter direkt telefonisch bei Wiederbelebungen mit. Unter ihrer Anleitung können die Anrufer die Minuten, bis der Rettungsdienst kommt, mit einer Herzdruckmassage überbrücken.

 

In fast zehn Prozent der Anrufe, also mehr als 20 000-mal, wurde der Notruf missbraucht – ob absichtlich oder unabsichtlich, zum Beispiel durch „Hosentaschen-Anrufe“.

 

Quelle: Kerstin Kesselgruber/PNP

Foto: Jäger