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05.03.2018 11:12 Alter: 286 days

Schneller retten mit System

Fachleute einig: Zusammenarbeit der Rettungskräfte über die ILS funktioniert „hervorragend“ – Appell: Keine Scheu haben, den Notruf zu wählen


von Ralf Enzensberger (PNP - Ausgabe A vom 03.03.2018)

Foto:Thomas Jäger

 

Passau. Alarm – mit Blaulicht und Martinshorn rast am Mittwochabend ein Rettungswagen durch die Nacht. Ziel: Thalling bei Pocking. Eine Frau soll von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt sein, mehr ist bis dahin noch nicht klar.

 

Nach acht Minuten trifft das Rettungsteam des BRK ein, Polizei und Feuerwehr ebenso. Wie das so schnell möglich ist, was vom Zeitpunkt der Alarmierung bis zu den Aufräumarbeiten passiert und mit welchen Problemen die Einsatzkräfte zu kämpfen haben, erklären Rettungsexperten aus dem Landkreis und geben einen Einblick in den Alltag von Notärzten, Polizisten und Feuerwehrleuten. 

 

Dr. Andreas Baumann ist leitender Notarzt in der Stadt Passau und der ärztliche Leiter für den Rettungsdienst in Stadt und Landkreis Passau sowie in den Landkreisen Freyung-Grafenau und Rottal-Inn. Für das Rettungssystem der ILS (Integrierte Leitstelle) im Landkreis Passau ist er voll des Lobes: „Es funktioniert hervorragend seit weitgehend alles zentral über die ILS gesteuert und koordiniert wird.“

 

 

Helfer sind jetzt auf dem gleichen Informationsstand

 

Der technische Fortschritt spiele dabei auch eine tragende Rolle. Früher waren die einzelnen Rettungskräfte oft nicht auf dem gleichen Informationsstand: „Da kam es vor, dass die Feuerwehr schon am Unfallort war, bevor die Polizei überhaupt wusste, wo sie hin muss oder umgekehrt“, erinnert sich Baumann. Diese Probleme gehören der Vergangenheit an –durch ein System, zudem alle Rettungskräfte Zugang haben.

 

Einen Wermutstropfen gibt es für Baumann dennoch: Die Wartezeit beim ärztlichen Bereitschaftsdienst. Der wird seit einigen Jahren von der KVB (Kassenärztliche Vereinigung Bayern) über eine eigene, systemunabhängige Telefonzentrale betreut. Aus Kostengründen, wie Baumann weiß: „Eine mit hochqualifizierten Disponenten bestückte Rettungsleitstelle, die technisch auf dem höchsten Stand ist und wo es nur zweimal klingelt, bis jemand abhebt, ist nun mal teurer als eine Telefonzentrale mit Teilzeit- oder 450-Euro-Kräften.“ 

 

Wartezeiten von 30 bis 40 Minuten seien nicht untypisch. „Wobei ich schon auch sagen muss, dass die Menschen, die bei der KVB am Hörer sitzen, genau wissen, was sie tun“, relativiert er. „Ich fände es sinnvoll, auch den ärztlichen Bereitschaftsdienst mit in das System der ILS aufzunehmen. Falls es zur großen Koalition kommt, stehen die Chancen nicht schlecht.“ Zumindest wäre das zum heutigen Stand von CDU/CSU und SPD geplant.

 

Wenn der Notruf über die Rettungsleitstelle ILS aufgenommen wurde, folgt alles einem eingespielten Ablauf: Der Computer berechnet nun die Fahrtzeiten und Verfügbarkeiten der jeweiligen Rettungswagen. Der Disponent kann einen Vorschlag des Systems annehmen, muss es aber nicht –wenn er beispielsweise Informationen hat, die der Computer in seine Berechnung nicht miteinfließen lassen kann. „Klassisches Beispiel: Der Kollege weiß, dass bei der Veranstaltung, bei der ein Unfall passierte, sowieso ein Krankenwagen vor Ort ist.“ 

 

Der alarmierte Rettungswagen bekommt nun alle nötigen Informationen auf einen Bildschirm im Fahrzeug, der gleichzeitig als Navigationsgerät einsetzbar ist. Numerische Kürzel dokumentieren die Phasen des Einsatzes. „Der Fahrer drückt die 3, wenn er los fährt, die 4, wenn er ankommt, die 7, wenn der Patient eingeladen wurde und die 8, wenn er im Krankenhaus angekommen ist“, sagt Baumann.

 

 

Nach zwölf Minuten sind die Retter vor Ort

 

Für den Rettungsweg zum Patienten –egal ob mit Rettungswagen oder Hubschrauber –gibt es klare Zeitvorgaben: Die so genannte „Hilfsfrist“ schreibt den Rettern vor, spätestens zwölf Minuten nach Alarmierung beim Patienten angekommen zu sein. „Das klappt in aller Regel.“ Aber zwölf Minuten können sich natürlich unendlich lange anfühlen, wenn man sich in einer lebensbedrohlichen Situation befindet. Auch das ist den Mitarbeitern der Rettungsleitstelle bewusst, sie unterstützen so gut es geht über das Telefon, bis der Rettungswagen eintrifft.

 

Vor Ort entscheidet der Notarzt, was weiter unternommen wird und in welches Krankenhaus der Patient transportiert wird. Grundsätzlich empfiehlt Baumann, immer den Rettungsdienst zu rufen und nicht selbst ins Auto zu steigen: „Zeitlich nimmt es sich meist nicht viel und Sie haben dann eine voll ausgestattete, rollende Intensivstation vor Ort.“ Das falsche Krankenhaus, die Verschlimmerung der Verletzung oder die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer sind laut Baumann Gründe, warum auf eine Fahrt auf eigene Faust verzichtet werden sollte. Die Eltern des kleinen Maximilian haben das vor vier Wochen am eigenen Leib erfahren –sie waren mit ihrem Kind, das einen Schädelbruch erlitten hatte, in ein Krankenhaus gefahren, das dem Buben nicht helfen konnte (PNP berichtete).

 

Auch Kreisbrandrat Ascher plädiert klar dafür, keine Scheu zuhaben, den Notruf zu wählen. Die Feuerwehr schreibe sich selbst eine zehnminütige Hilfsfrist vor, die gesetzlich allerdings nirgends verankert ist. „Im Landkreis kann man sie zu 97 bis 98 Prozent einhalten“, weiß Ascher, denn: „Die Dichte der Feuerwehren ist sehr groß. Es gibt kleine leere Flecken, aber meist dort, wo das Gefährdungspotenzial relativ gering ist. “Das gehe laut Ascher nur, weil es in fast allen Gemeinden viele Ehrenamtliche gibt, die sich für den freiwilligen Feuerwehrdienst entscheiden. 

 

Die Zusammenarbeit funktioniere einwandfrei: „Ohne zu übertreiben kann ich sagen, dass man sich als große Feuerwehrfamilie sieht. Jeder weiß, dass er auch auf andere angewiesen sein wird und Hilfe gut brauchen kann“ – sei es personell oder durch Geräte oder Maschinen.

 

Auch die Arbeit der Rettungsleitstelle ILS hebt er lobend hervor: „Meiner Meinung nach eine der bestgeführten Leitstellen in ganz Bayern. Man hört ja aus dem Umfeld, wie es bei anderen Leitstellen ist“, sagt Ascher. „Das System an sich ist sehr gut. Und wenn es zu Problemen kommt, wird fachlich kompetent diskutiert und an einer Lösung gefeilt.“

 

Auch Polizei-Sprecherin Alexandra Lachhammer ist überzeugt von der ILS. „Mit der modernen Technik ist es viel leichter.“ Wird die Polizei gerufen, so hat sie die Vorgabe, „möglichst schnell“ vor Ort zu sein. Der Begriff ist deshalb so abstrakt, da anders als bei Rettungswagen oder Feuerwehr weniger Polizeistandorte existieren und oftmals schwer kalkulierbar ist, wie lange die Streife tatsächlich braucht. 

 

„Wenn es sich nicht gerade um einen Spaßanruf handelt“, appelliert Lachhammer dafür, keine Scheu vor einem Anruf bei Polizei oder Notruf zu haben. „Wenn sich Fragen ergeben und die Person denkt, dass es dringend ist, kann sie sich jederzeit an den Notruf wenden –dafür ist er da.“ Übrigens: Falls sich herausstellt, dass es zwar kein dringender Fall war, aber kein Missbrauch vorliegt, habe niemand mit Konsequenzen zu rechnen.

 

 

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